<![CDATA[Leontos.ch - Learnings]]>Wed, 15 Jul 2026 01:27:12 +0200Weebly<![CDATA[Keep it simple – aber nicht um jeden Preis]]>Tue, 14 Jul 2026 07:17:41 GMThttp://www.leontos.ch/learnings/keep-it-simple-aber-nicht-um-jeden-preisKomplexität ist einer der grössten Gegner in Digitalisierungs- und Automatisierungsprojekten. Je mehr Sonderfälle, individuelle Anpassungen und Workarounds in ein System eingebaut werden, desto schwieriger wird es, dieses zu testen, zu betreiben und später weiterzuentwickeln.
Die Lösung klingt einfach: Prozesse vereinfachen, Standards nutzen und nur das umsetzen, was wirklich benötigt wird. In der Praxis ist das jedoch alles andere als einfach.

​Wer den Prozess kennt, sieht die Komplexität oft nicht mehr

Prozesse müssen gemeinsam mit den Mitarbeitenden entwickelt werden, die täglich damit arbeiten. Sie kennen die Abläufe, Sonderfälle und Risiken am besten. Gleichzeitig sind bestehende Prozesse über viele Jahre gewachsen. Viele Schritte werden nicht mehr hinterfragt, weil sie immer so gemacht wurden. Aussagen wie «Das brauchen wir zwingend» oder «Das geht bei uns nicht anders» sind deshalb in Projekten keine Seltenheit.
Hier beginnt die Aufgabe der Projektleitung: zuhören, verstehen, aber auch kritisch hinterfragen. Braucht es diese Funktion wirklich? Wie häufig tritt der Sonderfall auf? Was passiert, wenn wir darauf verzichten? Könnte der Prozess auch einfacher funktionieren? Diese Fragen führen nicht immer zu Begeisterung.

​Konflikte sind vorprogrammiert

Vereinfachungen bedeuten fast immer Veränderungen. Zuständigkeiten verschieben sich, bisherige Abläufe fallen weg und einzelne Anforderungen werden bewusst nicht umgesetzt. Damit sind Konflikte oft vorprogrammiert.
Die betroffenen Mitarbeitenden sehen verständlicherweise vor allem die Risiken für ihren eigenen Bereich. Die Projektleitung muss hingegen das Gesamtsystem betrachten. Was für eine Abteilung optimal ist, kann die Lösung insgesamt unnötig kompliziert machen.
Deshalb braucht es bei grundlegenden Vereinfachungen die Unterstützung des Managements. Die Projektleitung kann Varianten aufzeigen, Chancen und Risiken bewerten und Empfehlungen abgeben. Entscheide, die mehrere Bereiche betreffen oder bestehende Abläufe bewusst verändern, müssen jedoch klar getragen werden. Ohne diese Unterstützung bleibt häufig der bestehende Prozess bestehen, nicht weil er die beste Lösung ist, sondern weil er am wenigsten Widerstand erzeugt.
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Beispiel Wellenplanung

In einem vergangenen Projekt war die Wellenplanung einer der komplexesten Prozesse. Sie steuerte, wann und in welcher Reihenfolge Aufträge für die Filialbelieferung freigegeben wurden. Die bestehende Logik enthielt zahlreiche Einflussfaktoren, Regeln und Sonderfälle. Gleichzeitig waren die möglichen Auswirkungen einer Fehlfunktion gross. Entsprechend hoch war der Respekt vor Veränderungen.
Das Potenzial zur Vereinfachung war vorhanden. Die Diskussion wurde jedoch zu spät im Projekt geführt. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Zeitdruck bereits grösser und es fehlte der Raum, alle betroffenen Abteilungen ausreichend einzubeziehen.

Am Ende wurde ein grosser Teil der bestehenden Logik als Eigenentwicklung umgesetzt. Die Lösung funktionierte, war aber in der Umsetzung sehr teuer, führte zu vielen Teststunden, einem hohen Wartungsaufwand und einer starken Abhängigkeit von wenigen Spezialisten. Mit mehr Zeit in einer frühen Projektphase hätte die Komplexität vermutlich reduziert werden können, ohne die Versorgung der Filialen unnötig zu gefährden.

​Der Balanceakt zwischen Chance und Risiko

«Keep it simple» bedeutet nicht, Risiken zu ignorieren oder funktionierende Prozesse leichtfertig zu verändern. Es geht um einen Balanceakt: Auf der einen Seite stehen die Chancen einer einfacheren Lösung: weniger Fehler, tiefere Kosten und weniger Abhängigkeit von Spezialisten. Auf der anderen Seite stehen reale betriebliche Risiken. Nicht jeder Sonderfall ist unnötig und nicht jede Vereinfachung führt automatisch zu einem besseren Prozess. Die richtige Lösung ist deshalb nicht die einfachste denkbare Lösung, sondern die einfachste Lösung, die den Betrieb zuverlässig unterstützt.
Aus meiner Erfahrung sind drei Punkte entscheidend:
  • Prozesse vereinfachen, bevor sie digitalisiert werden
  • Standardlösungen bevorzugen, wenn sie die Anforderungen ausreichend erfüllen
  • Sonderfälle nur dann im System abbilden, wenn ihr Nutzen den zusätzlichen Aufwand rechtfertigt
Vor allem aber muss genügend Zeit für diese Diskussionen eingeplant werden. Vereinfachung lässt sich nicht nebenbei erledigen. Sie braucht Analyse, Abstimmung und teilweise auch den Mut, bestehende Abläufe bewusst zu verändern.

​Fazit

Viele komplexe Systeme entstehen nicht durch eine falsche Einzelentscheidung. Sie entstehen, weil jede zusätzliche Anforderung für sich nachvollziehbar erscheint. Die Kunst liegt darin, das Gesamtsystem im Blick zu behalten.
Einfachheit ist keine Einschränkung, sondern ein Qualitätsmerkmal. Sie entsteht jedoch nur, wenn Chancen und Risiken offen diskutiert, Konflikte ausgehalten und die notwendigen Entscheide vom Management unterstützt werden.
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<![CDATA[Jedes Projekt braucht eine Vision – Verkaufe sie]]>Sun, 16 Mar 2025 16:46:51 GMThttp://www.leontos.ch/learnings/jedes-projekt-braucht-eine-vision-verkaufe-sieIn grossen Digitalisierungs- und Automatisierungsprojekten wie der Implementierung eines neuen Lagerverwaltungssystems (LVS) oder der Errichtung eines Kleinteilelagers treten häufig Widerstände auf. Diese sind selten technischer Natur – vielmehr liegt die Herausforderung im Faktor Mensch. Neue Prozesse bedeuten Veränderung, und Veränderung erzeugt Unsicherheit. Es ist daher essenziell, alle Beteiligten auf die Reise mitzunehmen, ihre Bedenken ernst zu nehmen und ihnen eine klare Perspektive zu bieten.

Dies gelingt am besten mit einer kraftvollen Vision, die nicht nur Fakten vermittelt, sondern auch inspiriert. Sie sollte einfach, verständlich und bildhaft formuliert sein – komplexe Erklärungen oder abstrakte Zukunftsversprechen führen selten zur gewünschten Akzeptanz. Eine Vision muss greifbar und erlebbar sein, damit sie Orientierung gibt und als Leitbild für alle Beteiligten dient.

Warum stösst Veränderung auf Widerstand?
Grosse Projekte treffen fast zwangsläufig auf Skepsis – aus mehreren Gründen: Der Nutzen ist nicht sofort ersichtlich – neue Prozesse bedeuten mehr Arbeit

Während das Management die langfristigen Vorteile erkennt, erleben die Mitarbeitenden oft zunächst einen höheren Arbeitsaufwand. Neue Systeme bringen Verbesserungen auf Unternehmensebene, doch im Alltag entstehen erst einmal zusätzliche Arbeitsschritte: Mehr Scans, detailliertere Datenerfassung und neue Software-Oberflächen erfordern Einarbeitung und Zeit. Bestehende Routinen werden unterbrochen, was Unsicherheit und Skepsis auslöst.
 
Angst vor Überflüssigkeit durch Technologie
Ein oft unterschätzter, aber entscheidender Faktor für Widerstand ist die Sorge, durch neue Technologien ersetzt zu werden. Viele Mitarbeitende fürchten, dass Automatisierung ihre Aufgaben überflüssig macht oder dass sie mit der neuen Technologie nicht zurechtkommen. Besonders wenn Veränderungen ohne transparente Kommunikation oder ohne frühzeitige Einbindung der Betroffenen geschehen, verstärkt sich diese Angst.
 
„Das haben wir schon immer so gemacht“
Eingespielte Prozesse vermitteln Sicherheit und Stabilität. Veränderungen durchbrechen diese Abläufe und erzeugen zunächst Unbehagen. Der Mensch neigt dazu, Bewährtes beizubehalten – selbst, wenn eine neue Lösung langfristig besser wäre.
 
Der Schlüssel: Eine starke Vision statt nur Technik
Nicht die Veränderung selbst verkaufen – sondern die dahinterstehende Vision.
Technische Neuerungen oder Prozessänderungen allein überzeugen niemanden. Es braucht eine einfach verständliche, inspirierende Story, die den Mehrwert klar kommuniziert – nicht nur für das Unternehmen, sondern insbesondere für die betroffenen Mitarbeitenden. Eine Vision macht die Richtung sichtbar und gibt Orientierung in der Unsicherheit.

Praxisbeispiel: Vom Widerstand zur Akzeptanz
Stellen wir uns ein Unternehmen vor, das seine Produktionsprozesse digitalisiert. Die Mitarbeitenden im operativen Bereich sind skeptisch: Sie fürchten, dass ihre Erfahrung durch Algorithmen ersetzt wird und die zusätzliche Dateneingabe lediglich Mehraufwand bedeutet. Die typische Reaktion: „Warum soll ich das tun? Früher ging es doch auch ohne!“

Doch anstatt nur die technische Effizienz zu betonen, kann eine andere Geschichte erzählt werden: Die Digitalisierung entlastet die Mitarbeitenden, reduziert Fehler und schafft mehr Zeit für wertschöpfende Tätigkeiten. Statt monotone Aufgaben wie manuelle Bestandskorrekturen durchzuführen, können sich die Mitarbeitenden auf qualifiziertere Tätigkeiten konzentrieren. Die Vision vermittelt nicht nur die Vorteile für das Unternehmen, sondern auch für jeden Einzelnen.
 
Storytelling macht komplexe Veränderungen verständlich
Noch kraftvoller wird eine Vision, wenn sie in eine Geschichte verpackt wird. Damit können auch grössere Veränderungen leicht verständlich und greifbar kommuniziert werden.

Ein Beispiel: In einem vergangenen Projekt wurde ein neues Lagerverwaltungssystem eingeführt, mit dem Ziel, die Datenqualität entlang der gesamten Lieferkette zu verbessern. Für die Mitarbeitenden in der Logistik bedeutete dies zunächst zusätzlichen Aufwand durch neue Scans und genauere Erfassungsprozesse. Wofür das alles?

Die Antwort lag in der übergeordneten Vision: Genaue Bestandsdaten führten zu präziseren Nachfrageprognosen. Diese wiederum reduzierten Überbestände und verhinderten Fehlmengen – was letztlich zu weniger Food-Waste in der gesamten Wertschöpfungskette führte. Erst mit einer ganzheitlichen Vision, die diesen Zusammenhang verdeutlichte, wurde das Projekt akzeptiert und Ängste konnten genommen werden.
 
Visionen schaffen nachhaltige Veränderungen
Zu oft werden Veränderungsprojekte rein aus einer technischen oder prozessualen Perspektive betrachtet. Doch entscheidend für den Erfolg ist, den Menschen mitzunehmen. Eine Vision gibt einem Projekt nicht nur eine Richtung, sondern macht den Mehrwert spürbar und sorgt für Orientierung in unsicheren Zeiten. Veränderungen sind immer herausfordernd – doch wer die Menschen überzeugt, schafft nachhaltige Transformation.

Eine klare, überzeugende Vision löst Widerstände und schafft Akzeptanz. Sie ersetzt kein Change Management, ist aber ein entscheidender Erfolgsfaktor für komplexe Projekte.

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